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EIN KLEINES EXPERIMENT

zur indirekten Rede im Deutschen

 


Anita : Herbert liegt krank im Bett.
[Was hat Anita gesagt?]
WOLFGANG : Anita hat gesagt, Herbert liege krank im Bett.

Wenn Grammatik-Übungen zur indirekten Rede vorgeschlagen werden, so wird durch die Anlage der Übung gemeinhin suggeriert, daß indirekte Rede die vorhergehende Rede wortwörtlich wiederhole, mit Ausnahme der Verbform - im Beispiel liege (Konjunktiv) statt des ursprünglichen liegt (Indikativ).

Tatsächlich aber ist die Form von Anitas Äußerung für den berichtenden WOLFGANG im realen Leben völlig irrelevant. Ihm kommt es allein auf den Sachverhalt an, nicht auf die genaue Formulierung, die Anita gebraucht hat.

Indirekte Rede benennt denselben Sachverhalt wie vorher die direkte Rede. Zusätzlich wird allenfalls auf den Sprecher hingewiesen (hier also auf Anita) und auf die Handlung des Sprechens (hat gesagt) – allerdings ist beides letzteres nicht immer der Fall. (Genaueres dazu in der Einleitung zum Aufsatz   Die Zeitenfolge in der indirekten Rede ).

Daß die wörtliche Rede keine Rolle spielt, sondern nur ihr Inhalt, macht das folgende kleine Experiment deutlich, das ich einmal mit Studierenden der Pädagogischen Hochschule Reutlingen durchgeführt habe.


DIE ORIGINALREDE

Das Thema: Herrn G.s Studentenbude

Also, mein Zimmer ist in Reutlingen, in der Kaiserstraße, dort wohne ich in einem Altbau, dort wohn ich in einem Altbau, im fünften Stock, was bedeutet, daß ich sehr viel laufen muß. Ich hab nur schräge Wände in diesem Zimmer. Das Klo ist aufm Gang. Dann hab ich allerdings kein warmes Wasser, dafür ist es im Winter sehr kalt, weil das nicht . besonders gut gedämmt ist

Heute morgen war's nicht sehr kalt, nee, da hatt ich sogar das Fenster offen. Also, sonst is eigentlich recht reizvoll, ich hab ne gute Aussicht, ich hab nicht weit zur.Achalm zu gehen, von diesem Zimmer kann ich auch sehr schnell in die Stadt kommen.. Auch zur PH ist die Entfernung noch erträglich.

Eh, heute morgen bin ich um halb zehn Uhr weggegangen. Dann hab ich mich auf mein Fahrrad gesetzt, und dann bin ich.mühevoll hier herauf gestrampelt.

Schauen wir uns als erstes an, wie die berichtete Rede nach der Regel aussehen müßte.

ORIGINAL

Herr G.:

Also, mein Zimmer ist in Reutlingen, in der Kaiserstraße,
dort wohne ich in einem Altbau,
dort wohn ich in einem Altbau, im fünften Stock,
was bedeutet, daß ich sehr viel laufen muß.
Ich hab nur schräge Wände in diesem Zimmer.
Das Klo ist aufm Gang.
Dann hab ich allerdings kein warmes Wasser,
dafür ist es im Winter sehr kalt,
weil das nicht besonders gut gedämmt ist

Heute morgen war's nicht sehr kalt,
nee, da hatt ich sogar das Fenster offen.
Also, sonst is eigentlich recht reizvoll,
ich hab ne gute Aussicht,
ich hab nicht weit zur.Achalm zu gehen,
von diesem Zimmer kann ich auch sehr schnell in die Stadt kommen..
Auch zur PH ist die Entfernung noch erträglich,

Eh, heute morgen bin ich um halb zehn Uhr weggegangen.
Dann hab ich mich auf mein Fahrrad gesetzt,
und dann bin ich.mühevoll hier herauf gestrampelt.

BERICHT, WIE ER SEIN SOLLTE

Herr G. sagte:

sein Zimmer sei in Reutlingen, in der
Kaiserstraße,
 
dort wohne er in einem Altbau, im fünften Stock,
was bedeute, daß er viel laufen müsse.
Er habe nur schräge Wände in jenem Zimmer.
Das Klo sei aufm Gang.
Er habe allerdings kein warmes Wasser,
dafür sei es im Winter sehr kalt,
weil das nicht besonders gut gedämmt sei.

An jenem Morgen sei es nicht sehr kalt gewesen
da habe er sogar das Fenster offen gehabt.
Sonst sei's eigentlich recht reizvoll,
er habe ne gute Aussicht,
er habe nicht weit zur.Achalm zu gehen,
von jenem Zimmer könne er auch sehr schnell in die Stadt kommen..
Auch zur PH sei die Entfernung noch erträglich.

An jenem Morgen sei er um halb zehn Uhr weggegangen.
Dann habe er sich auf sein Fahrrad gesetzt,
und dann sei er.mühevoll dort hinauf gestrampelt.

Und wie sieht's nun wirklich aus, was Frau E. 40 Minuten später berichtet?

DER BERICHT VON FRAU E.

Er sagte, er habe ein Zimmer in der Altstadt,
im fünften Stock,
und müsse immer die Treppen hochsteigen,
müsse sehr viel gehen.
Im Zimmer wäre ..,
im Winter wäre es sehr kalt,
und im Zimmer selber wäre kein warmes Wasser.
Das Klo ist außerhalb,
soweit ich mich erinnere,
und er fährt mit dem Fahrrad zur PH.
Mehr weiß ich im Moment nicht mehr.

Vergleichen wir, was die Regel erwarten ließe, mit dem, was Frau E. tatsächlich sagte.

BERICHT, WIE ER SEIN SOLLTE

Herr G. sagte:

sein Zimmer sei in Reutlingen, in der
Kaiserstraße,
 
dort wohne er in einem Altbau, im fünften Stock,
 
 
was bedeute, daß er viel laufen müsse.
 
Er habe nur schräge Wände in jenem Zimmer.
Das Klo sei aufm Gang.
Er habe allerdings kein warmes Wasser,
 
dafür sei es im Winter sehr kalt,
weil das nicht besonders gut gedämmt sei.

An jenem Morgen sei es nicht sehr kalt gewesen
da habe er sogar das Fenster offen gehabt.
Sonst sei's eigentlich recht reizvoll,
er habe ne gute Aussicht,
er habe nicht weit zur.Achalm zu gehen,
von jenem Zimmer könne er auch sehr schnell in die Stadt kommen..
Auch zur PH sei die Entfernung noch erträglich,

An jenem Morgen sei er um halb zehn Uhr weggegangen.
Dann habe er sich auf sein Fahrrad gesetzt,
und dann sei er.mühevoll dort hinauf gestrampelt.

DER TATSÄCHLICHE BERICHT

Er sagte:

 
 
 
Er sagte, er habe ein Zimmer in der Altstadt,
im fünften Stock,
und müsse immer die Treppen hochsteigen,
müsse sehr viel gehen.
Im Zimmer wäre ..,
 
Das Klo ist außerhalb,
und im Zimmer selber wäre kein warmes Wasser.
im Winter wäre es sehr kalt,
 
soweit ich mich erinnere,
 
 
 
 
 
 
 

 
 
und er fährt mit dem Fahrrad zur PH.
 
Mehr weiß ich im Moment nicht mehr.

Als erstes fällt natürlich auf, daß der Bericht weniger Informationseinheiten enthält als die ursprüngliche Rede. Die Informationen kommen z.T. auch in anderer Reihenfolge. Formulierungen sind gegenüber dem Original verändert.

So benutzt Herr G. das süddeutsche laufen, Frau E. sagt dagegen gehen . Das Klo ist aufm Gang, Frau E. begnügt sich mit dem allgemeineren außerhalb . Andererseits wird sie konkreter, wenn sie das viele Gehen darauf zurückführt, daß Herr G. immer viele Treppen hochsteigen muß. Ebenso wird sie konkreter, wenn sie Herrn G.s Aussage, er habe kein warmes Wasser aufs Zimmer bezieht: im Zimmer selber sei kein warmes Wasser.

Aus diesen Beispielen wird ganz deutlich, daß Frau E. sich an die Situation erinnert, die Herr G. geschildert hatte,und daß sie versucht, diese Situation zu beschreiben. Dabei ist es ihr natürlich völlig wurscht, was Herr G. für Wörter und Strukturen benutzt und auch, in welcher Reihenfolge er die einzelnen Situationselemente genannt hat.Sie beschreibt die im Gedächtnis gespeicherte Situation nach ihrem eigenen Gusto und mit ihren eigenen Formulierungen.

Interessant sind noch die beiden folgenden Abweichungen.

Die erste: Frau E. läßt ihren Kommilitonen in der Altstadt wohnen. Das ist schlicht falsch, denn die Kaiserstraße befindet sich gar nicht in Reutlingens Altstadt. Wieso hat sie dann Herrn G.s Bude in die Altstadt verlegt? Herr G. hatte von Altbau gesprochen, nicht von Altstadt. Entweder hat Frau E. sich beim Hören der Schilderung gleich eine falsche Vorstellung gemacht und diese dann erinnert - das kommt vor, und nicht selten. Oder, und das scheint mir hier wahrscheinlicher, Frau E. ist der Formulierungsbrocken alt im Gedächtnis geblieben, und sie versucht nun, diesen (genauer dessen Bedeutung) in die zu berichtetende Situation einzubauen.

Die zweite interessante Abweichung ist die leicht unzulässige Verallgemeinerung, die Frau E. vornimmt. Herr G. hatte gesagt, er sei am Morgen mit dem Fahrrad an die PH gekommen, sie läßt ihn immer mit dem Fahrrad zur PH herauffahren.

 

FAZIT:

Obwohl es natürlich vorkommt, daß, wenn uns einer etwas erzählt, uns einzelne Formulierungen im Gedächtnis bleiben, die er benutzt hat, so ist es dennoch nicht so, wenn wir darüber berichten, daß uns wichtig wäre, welche Wörter und Strukturen er gebraucht hat. Vielmehr kommt es uns nur auf den Sachverhalt an; diesen wollen wir weitergeben, über den sprechen wir, und den benennen wir so, wie es uns angemessen erscheint. Wenn dabei Formulierungen auftauchen, die auch vom ursprünglichen Sprecher benutzt wurden, dann liegt das eher in der Natur der Sache als daran, daß wir seine Formulierungen der Nachwelt erhalten wollten.

Grammatische Übungen im Sprachunterricht, bei denen Sätze aus sog. wörtlicher Rede in sog. indirekte Rede transformiert werden, sind deshalb völlig sinnlose Zeitverschwendung, wenn es das Ziel sein sollte, den Übenden beizubringen, wie man berichtet über etwas, das man gehört hat.


ANHANG

Die obigen Schlußfolgerungen gelten selbst dann, wenn der Sprecher selber berichtet, worüber er zuvor gesprochen hat. Natürlich hat er ein Problem nicht, das jeder andere Berichterstatter hat, daß nämlich die im Gedächtnis aufgebaute Situation anders aussieht als die im Kopf des ursprünglichen Sprechers. Trotzdem hat auch er ein Gedächtnisproblem: Welche Situationselemente, so fragt er sich immer wieder, hab ich letzte Woche benannt und welche nicht? Auf die früheren Formulierungen kommt es auch ihm nicht an, deshalb benutzt er nur zufällig dieselben Wörter und Sätze wie zuvor. Ich markiere die interessantesten Unterschiede.

DER BERICHT VON HERRN G. SELBER

Eine Woche später

Also ich sagte, daß ich in der Kaiserstraße wohne, in einem fünfstöckigen ..., im fünften Stock, daß mein Zimmer, ah, wie gsagt, die ganze Sache mit dem Klo, und daß kein warmes Wasser da wäre, und daß es im Winter sehr kalt wäre. Dann hab ich noch gesagt, was hab ich noch gesagt? Daß alle Wände schief sind, also, daß keine gerade Wand da ist,daß ich mit dem Fahrrad an die PH fahre. Ja, daß es heute morgen nicht so kalt war, hab ich gesagt (...) Das ist im Moment alles, an was ich mich erinnere. Ja, mit dem Fahrrad hab ich, ja das hab i gsagt, daß ich mit dem Fahrrad hier rauf gestrampelt bin, daß es mühsam war, weiß net, ob ich das gsagt hab. Ah ja, um halb zehn, daß i um halb zehn losgefahren bin. Ja, daß ich sehr leicht auf die Achalm gehen, daß es also net weit bis zur Achalm isch von mir aus. Und so daß es, ja genau, und daß es auch kurze Weg zur Stadt sin (...)

Herr G. hat noch ein zweites Mal über seine eigene Rede berichtet, und zwar vierzehn Tage später. Da kommt natürlich sein spezielles Gedächtnisproblem, daß er nicht mehr weiß, worüber er tatsächlich gesprochen hat, noch deutlicher zum Tragen.

DER ZWEITE BERICHT VON HERRN G.

Vierzehn Tage später

Also, ich hab letzt Mal erzählt, daß ich eine kleine Wohnung hab in der Kaiserstraße, daß alle Wände schief sind in dieser Wohnung; ich hab erzählt, daß es im Winter kalt und im Sommer sehr warm ist. Des weiteren hab ich erzählt, ah, daß, ah, die Toilette aufm Gang ist, daß es nur kaltes Wasser gibt, daß der Vorteil aber darin besteht, daß der Weg ah bis zur Stadtmitte nicht sehr weit ist. Ah, ich habe, glaub, auch erzählt, daß ich mit dem Fahrrad an die PH fahren kann. Was hab ichn sonst noch erzählt? (Frau E.: Die Aussicht) Ja, ah, daß es bis zur Achalm nicht allzu weit ist, hab ich erzählt. Dann verließen sie ihn. Das war's,

Man kann's kaum deutlicher illustrieren als Herr G. es mit seinen drei Äußerungen tut, daß es dem Sprecher immer nur auf den Sachverhalt ankommt, und nicht auf frühere Reden. Als er über die Lage seiner Behausung in Reutlingen spricht (ein Zimmer, oder eine kleine Wohnung, wie es beim dritten Mal heißt?), benutzt er drei verschiedene Formulierungen:

Originalaussage: "von diesem Zimmer kann ich auch sehr schnell in die Stadt kommen".

Eine Woche drauf: "daß es auch kurze Weg zur Stadt sind".

Nach 14 Tagen: "daß der Weg bis zur Stadtmitte nicht sehr weit ist".

Im übrigen: Schon allein das löchrige Gedächtnis des Menschen verhindert, daß die von den Grammatikern irgendwann einmal erfundene Transformationsregel von den wörtlichen in die indirekten Formulierungen stattfinden könnte.

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Last updated 7.5.2007