| LG |
Wir wollen zuerst das Werkzeug beschreiben und dann seine Benutzung. Da Sprachzeichen, wie alle Werkzeuge, Gegenstände sind, kann man mit ihnen nicht nur zeigen, sondern auch alles mögliche andere damit anfangen; darum geht es dann im dritten Kapitel.
Jeder Sprachbenutzer, auch wenn er noch nie bewußt über Sprache nachgedacht hat, weiß, daß es Wörter gibt. Das Wort ist sozusagen das grundlegende Sprachzeichen, das auch jedem spontan einfällt, wenn er den Begriff Sprachzeichen definieren soll. Neben diesem grundlegenden Sprachzeichen kennt aber jeder, der schreiben und lesen gelernt hat, noch weitere. Da ist einmal der Satz, auf den ein schreibenlernendes Kind spätestens dann aufmerksam wird, wenn es lernt, Punkte zu setzen. Und da ist schließlich der Text (Geschichte genannt, oder Märchen, oder Buch), von dem das lesenlernende Kind sehr schnell merkt, daß er beispielsweise lang oder kurz sein kann.
Wörter, Sätze und Texte sind die Sprachzeichen, die jeder 'naive' Sprachbenutzer kennt und mit denen er bewußt umgeht --- wobei naiv einfach meint, daß er nicht speziell sprachwissenschaftlich ausgebildet ist.
Wie hängen diese doch sehr verschieden aussehenden Sprachzeichen miteinander zusammen? Die Antwort ergibt sich aus den folgenden Beispielen:
Text |
Texte bestehen also aus Sätzen, und Sätze bestehen aus Wörtern. Diese Antwort reicht allerdings nicht aus, wie das folgende Beispiel illustriert:
HOWDOYOUMAKEASWISSROLLPUSHHIMOFFTHETOPOFANALP
Dieser Text besteht aus zwei Sätzen:
HOWDOYOUMAKEASWISSROLL?PUSHHIMOFFTHETOPOFANALP.
Und die Sätze bestehen aus Wörtern:
How do you make a Swiss roll?Push him off the top of an alp.
Der Text entstammt einer Witzesammlung (Goldstein-Jackson, 1973:110), und die Pointe beruht darauf, daß der erste Satz in zweierlei Weise interpretiert werden kann. Erste (naheliegende) Interpretation: Wie macht man eine Schneckennudel (a Swiss roll})? Zweite Interpretation (rückwirkend erforderlich, nachdem man die Antwort gelesen und festgestellt hat, daß sie nicht paßt): Wie bringt man einen Schweizer (a Swiss) zum Rollen (roll)?
Zwischen den beiden Interpretationen ändert sich die Wortfolge nicht, und trotzdem verändert sich der Satz, den der Leser liest. Und zwar so, wie im Bild illustriert:
Was sich verändert von der einen Interpretation zur andern, sind die Satzglieder, aus denen der Satz für den Leser besteht. Zuerst besteht er für ihn aus Subjekt (you), Verbalglied (do make), Objekt (a Swiss roll) und einem Adverbiale der Art und Weise (how). Bei der zweiten Interpretation wird der Satz umstrukturiert und enthält nun plötzlich das Objekt a Swiss und zusätzlich eine Objektergänzung ( roll).
| Anmerkung |
| A=Adverbiale; v=Hilfsverb; S=Subjekt; V=Vollverb; O=Objekt; OC=Objektergänzung (object complement) |
Offensichtlich ist ein Satz nicht einfach aus Wörtern zusammengesetzt, sondern vielmehr aus Satzgliedern, und erst diese bestehen dann aus Wörtern. Ähnlich verhält es sich mit Texten, wie wir sehen werden.
Neben den von jedem Sprachbenutzer erkennbaren Sprachzeichen Wort, Satz und Text gibt es also noch weitere. Diese erkennt man allerdings erst, wenn man sich näher mit dem Aufbau der Sprache befaßt, wenn man die Sprache sozusagen mit der Lupe betrachtet, so wie man das z.B. im Grammatikunterricht der Schule tut.
Welche Sprachzeichen sind zu erkennen, wenn wir durch die Lupe
des Sprachwissenschaftlers schauen? Wir wollen mit den kleinsten
Sprachzeichen anfangen.
Menschliche Sprachen haben kaum mehr Laute zur Verfügung als die genannten Affen (ungefähre Zahlen: Spanisch 24, Französisch 34, Deutsch und Englisch 45), und trotzdem können Menschen sehr viel mehr als 24 oder 45 verschiedene Situationen ausdrücken, nämlich unendlich viele, und jede dieser Situationen kann durch unendlich viele Details beschrieben werden. Wie kann das sein? Was unterscheidet die menschliche Sprache von dem Zeichensystem, das diese Tiere benutzen?
Wir Menschen wenden einen einfachen Trick an. Wir benutzen unsere
45 Laute
als Baumaterial, um daraus neue Sprachzeichen zu machen. Wir
erzeugen LAUTKOMBINATIONEN.
Ein simples Rechenexempel zeigt, was für ungeheuerliche Auswirkungen diese Erfindung des menschlichen Geistes hat. Nehmen wir an, wir hätten lediglich drei Laute zur Verfügung: A, E und I, und wir wollten daraus Zweierkombinationen machen. Das ergäbe die folgenden neun Kombinationszeichen:
AA, AE, AI, EE, EA, EI, II, IA, IE
Wieviele Kombinationen dieser Art erzeugt werden können, kann man auch ausrechnen. Die 'Formel' lautet: Anzahl der Grundzeichen hoch Länge der Kombinationen. In unserem Fall also 32=9.
Rechnen wir einmal aus, wieviele Zweierkombinationen aus den 45 Lauten, die die Engländer zur Verfügung haben, hergestellt werden können: 452=2025. Dazu gehören Kombinationen wie die Verb-Endung ing (das sind zwar drei Buchstaben, aber nur zwei Laute: [ɪŋ]). Nun begnügen sich die Engländer aber nicht mit Zweierkombinationen, sondern sie machen auch Dreierkombinationen (z.B. [prɪ]) und Viererkombinationen (wie [dræg]) und Fünferkombinationen (wie [drɪŋk]). Das ergibt genau 188.721.945 Lautkombinationen. Aus 45 Sprachzeichen sind auf diese Weise im Handumdrehen fast 200 Millionen geworden.
Das ist eine so ungeheuere Zahl, daß man die Kombinationen gar
nicht alle haben will. Tatsächlich wirft man die meisten einfach
weg. Z.B. alle, die mit [ŋ] anfangen. Oder alle, die mit [h]
aufhören.
Nur manchmal gräbt man die eine oder andere aus, z.B. wenn man eine fremdartig, unenglisch klingende Kombination benötigt, wie in der folgenden Geschichte von Hgh und Ghg:
Hgh and Ghg, a pair of newly arrived Martians, stood on a New York street corner leering at the traffic light across the way. |
200 Millionen Kombinationen also --- und noch kein Ende. Die
Engländer begnügen sich nicht damit, die ursprünglichen
45 Laute nur ein einziges Mal zu kombinieren. Sondern sie tun's noch ein
zweites Mal. Die Kombinationen werden also noch einmal kombiniert, so
entsteht aus den Kombinationszeichen ing und talk die
höhere Zweierkombination talking, und aus ing und
pre und view die Dreierkombination previewing,
usw. Schnell sind wir dabei in den Milliarden. Und trotzdem ist noch
immer nicht Ruh.
Auch Wörter wie talking werden (mit anderen Wörtern) noch einmal kombiniert, und so entstehen Satzteile oder Satzglieder. Satzglieder werden zu Sätzen kombininiert, Sätze zu Supersätzen, usw. usf. Obwohl die meisten Kombininationen jeweils im Mülleimer landen, bleiben doch am Schluß so viele Sprachzeichen übrig, daß kein Mensch sie in seinem Leben je alle benutzen kann.
Die Tabelle Die Strata des Englischen
faßt das System der Sprachzeichen, am Beispiel des Englischen,
zusammen.
DIE STRATA DES ENGLISCHEN ................................................................. : OPEREM :[Goethes Werke] : : :.................:.......................................: : : DRAMEN :[Hamlet]; [Lord of the flies] :LIT. : :.................:.......................................: : : AKTEM :[Akt I]; [Dritter Teil] :WISS.: :.................:.......................................: : : KONVERSATIONEM :[Szene];[Einakter];[Kapitel];[Aufsatz] : : :.................:.......................................: : : SEKTIONEM :[Aufsatzeinleitung] : : :.................:.......................................:.....: : PARAGRAPHEM :.......................................: : : ::For example, we may ask a : :: : : ::physicist or chemist: 'How old: :: : : ::are the atoms that form the :T-SLOT:: : : ::material from which the uni- : :: : : ::verse is built?' : :: : : ::.....................................:: : : ::Only half a century ago such a: :: : : ::question would not have made :D-SLOT:: : : ::much sense. : :: : : ::.....................................:: : : ::However, when the existence of: ::TEXT-: : ::natural radioactive elements : :: : : ::was recognized, the situation : ::GRAM-: : ::became quite different. It be-: :: : : ::came evident that if the :A-SLOT::MATIK: : ::radio-active elements had been: :: : : ::formed too far back in time, : :: : : ::they would now have decayed : :: : : ::completely and disappeared. : :: : : ::.....................................:: : : ::Thus the observed relative : :: : : ::abundance of various radio- : :: : : ::active elements may give us :C-SLOT:: : : ::some clue as to the time of : :: : : ::their origin. : :: : : ::.....................................:: : :.................:.......................................: : : KOMMUNIKATEM :Where is he? : In the house. : : : :However,:the situation had changed. : : :.................:.......................................:.....: : UTTEREM :Fortunately,:they know about it. : : :.................:.......................................: : : SUPERSYNTAKTEM :He is there,:isn't he? :SATZ-: :.................:.......................................: : : SYNTAKTEM :He : is : there. :GRAM-: : :When : Dad : was killed : in the pit. : : : :Remembering : Abraham Lincoln. :MATIK: :.................:.......................................: : : LOGEM :the : old : man; if : he knew; can:see : : :.................:.......................................:.....: : LEXEM :teach:er; pull:ing; start:ed; quick:ly :WORT-: :.................:.......................................:GRAM-: : MORPHEM :i:ng; i:sh; r:e; l:y; /ei:t/ :MATIK: :.................:.......................................:.....: : PHONEM :/i/; /ei/; /t/; /l/; /r/ :PHO- : :.................:.......................................:NOLO-: : ARTIKULEM :"close" :GIE : :.................:.......................................:.....:
| Anmerkung |
|
Lexem=Wort; Logem=Satzglied;
Syntaktem=Satz; Paragraphem=Absatz; die übrigen
Begriffe haben keine Entsprechungen in der Normalsprache. Die
normalsprachlichen Begriffe reichen hier auch dann nicht aus,
wenn sie vorhanden sind, weil sie keine Differenzierung zwischen
der Bezeichnung der Lautform und der Bezeichnung der
zugehörigen Struktur erlauben ( |
Jedes Sprachzeichen also, mit Ausnahme der Grundzeichen, ist eine Kombination aus den Zeichen der DARUNTERLIEGENDEN EBENE. Goethes Werke bestehen aus (seinen) Dramen, Romanen, usw.; "Hamlet" hat fünf Akte; ein Schulaufsatz hat aus Einleitung, Mittelteil und Schluß zu bestehen; die Aufsatzeinleitung besteht aus einem oder mehreren Absätzen; usw. usf.
Eigentlich sollte man annehmen, daß dies schon genug der
Kombinationsmöglichkeiten sind. Die Sprache begnügt sich dennoch
nicht damit, sie ist unersättlich in ihrem Kombinationsrausch. So
werden Kombinationselemente nicht nur von der vorhergehenden
Ebene bezogen, vielmehr können im Prinzip alle Ebenen
zusätzliche Lieferanten sein. Der Supersatz Yes, it
is beispielsweise ist eine Kombination aus dem Satz
it is, also ganz regulär einem Zeichen der nächstniederen Ebene,
und dem Wort yes, das über drei Ebenen auf die
Supersatzebene gesprungen kommt.
Häufig findet ein Abstieg von einer höheren Ebene nach unten statt. So besteht das Satzglied because he said so (ein subclause) aus dem Wort because, das, wie es sich gehört, von der nächstniederen, der Wortebene, bezogen wird, und dem Satz he said so, der von der nächsthöheren, der Satzebene, herabspringt.
Und noch eins --- der Vollständigkeit halber sei es erwähnt: Sprachzeichen EMIGRIEREN zuweilen. Grundsätzlich hat jedes Sprachzeichen seine Heimatebene, aber viele hält es nicht zu Hause, sie wandern aus. Besonders wanderlustig sind die Morpheme. Morpheme wie ing, pre, ly, re bleiben ihr Leben lang zu Hause, aber andere emigrieren auf die Wortebene, z.B. talk, book, slow. So wie ausgewanderte Deutsche die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen können und so zu eingebürgerten Amerikanern werden, so werden viele Morpheme zu eingebürgerten Wörtern, sie sind sozusagen morphemstämmige Wörter. Daneben gibt es auch gelegentlich phonemstämmige Wörter wie z.B. das Personalpronomen I, das ursprünglich auf der Phonemebene zu Hause ist.
Die Hauptwanderrichtung ist von unten nach oben. Aber auch die Emigration auf eine niedrigere Ebene kommt vor. Das Substantiv whodunnit (Krimi) ist nichts anderes als der Satz Who has done it?, der auf die Wortebene heruntergewandert ist, ein satzstämmiges Wort demnach.
Unendlich viele mögliche Kombinationen also, so viele in der Tat,
daß der größte Teil überhaupt nicht benutzt wird.
Wie wird da überhaupt ausgewählt? Welches sind die 'guten'
Kombinationen, die ins Töpfchen dürfen?
So gilt die Kombination ing und talk als 'gut', aber nicht eine aus talk und ly. Wenn aber ing und talk kombiniert werden, dann kommt talk an erster Stelle und ing an zweiter, ingtalk kommt ins Kröpfchen.
Diese Regeln, es sind die GRAMMATIKREGELN, die wir alle
kennen, werden nicht von irgendjemandem bestimmt und festgelegt,
sie haben sich vielmehr im Laufe von Jahrhunderten entwickelt.
Und die Entwicklung ist nicht abgeschlossen. Insbesondere auf der
Wortebene entstehen und vergehen ständig neue Regeln.
Beispielsweise wurde es in den 60er Jahren plötzlich möglich,
Substantive, Verben und Adjektive mit nik zu kombinieren.
Auslöser war der russische Sputnik, der 1957 als erster
künstlicher Satellit die Erde umkreiste. Das führte zum
beatnik, der weitere Kombinationen anregte wie
computernik, no-goodnik oder protestnik (vgl.
Barnhart et al., 1973). Die Regel gilt längst nicht mehr, kein
Mensch kombiniert mehr computer mit nik. Und was
beatnik angeht, so spielt dies nur noch als historisches Relikt
eine Rolle. Der Collins Cobuild Dictionary von 1987 führt
ihn zwar noch auf, schreibt aber folgende Erklärung dazu: "A
beatnik was a type of young person in the late 1950's who
wore strange clothes and had unconventional beliefs rather than
traditional ones". (S. 113) Auf anderen Ebenen als der Wortebene
sind die Kombinationsregeln meist etwas haltbarer.
Diese Regeln, auf Grund derer entschieden wird, ob eine Kombination
akzeptabel scheint oder nicht, ob sie also als Sprachzeichen
akzeptiert werden kann, sind z.B. in folgender Weise darstellbar (
Bild ). Zur
Illustration dient eine Sprachzeichengruppe von der Satzebene,
nämlich die grundlegenden Satztypen. Es gibt im Englischen
davon sieben (vgl. auch Leuschner 1971). Die Beispielsätze
entstammen dem Lesetext "Down the big river" (Abbott, 1964).
Im Bild wird jedes Satzglied als Kästchen dargestellt, das
gefüllt werden kann, und zwar durch Kombinationselemente, die von
verschiedenen Ebenen kommen. Jedes Satzglied hat einen Namen.
| S | V |
|---|---|
| The sun | shone. |
| S | V | O |
|---|---|---|
| He | folded | it. |
| S | V | SC |
|---|---|---|
| His clothes | were | wet. |
| S | V | A |
|---|---|---|
| It | was | on a bank of sand. |
| S | V | O | O |
|---|---|---|---|
| He | told | the man | everything |
| S | V | O | OC |
|---|---|---|---|
| He | called | his boat | the 'Wanderer' |
| S | V | O | A |
|---|---|---|---|
| He | put | one hand | in the air |
Die Satztypen unterscheiden sich durch die Art und die Anzahl der Satzglieder, aus denen sie bestehen. Der Kern jedes Satzes ist das Verbalglied. Vom Vollverb im Verbalgliedkästchen hängt es ab, wieviele Satzglieder der Satz mindestens haben muß, welche Satzglieder das sind, und mit welcher Art von Kombinationselementen die Kästchen gefüllt werden können. Die Bindekraft des Verbs ist vergleichbar mit der, die chemische Elemente aufweisen. Wie dort spricht man deshalb auch beim Verb von VALENZ. Das Verb put z.B. hat drei Valenzen. Diese müssen abgesättigt sein, wenn ein Satz entstehen soll. He put allein z.B. wäre kein Satz, ebensowenig wie He put one hand oder He put in the air.
Neben dem KERNGLIED (dem Verbalglied) und den NOTWENDIGEN
Gliedern können Sätze zusätzlich FREIE Glieder
haben, die nicht vom Verb abhängig sind, das sind im Englischen
immer Adverbialien. So ist der erste Beispielsatz
tatsächlich länger als in Bild
Basic sentence types gezeigt, denn er enthält noch zwei
freie Adverbialien, an der Satzspitze ein Ortsadverbiale
(adverbial of place), am Satzende ein Artadverbiale
(adverbial of manner):
| Apl | S | V | Am |
|---|---|---|---|
| Above him, | the sun | shone. | brightly |
Lassen Sie uns nun eine kurze Zwischenbilanz ziehen.
Diese Dreiteilung der sprachlichen Hierarchie in die Wortebenen, die Satzebenen und die Textebenen spiegelt sich übrigens auch in der Geschichte der Sprachwissenschaft wider. Lange Zeit konzentrierte sich die linguistische Forschung auf die Wortebenen --- das wirkte sich praktisch u.a. so aus, daß weit verbreitete Schulgrammatiken, beispielsweise die 1961 erschienenen "Essentials of English Grammar" (Beilhardt/Sutton), kein eigenes Kapitel über den Satz enthielten. Was die Beschäftigung mit den Textebenen angeht, so kam sie so richtig erst Anfang der 70er Jahre in Gang --- Spuren davon finden allmählich Eingang in neuere Schulgrammatiken, wie z.B. der 1985 erschienenen "Grammar of Present Day English" (Ungerer u.a.).
Noch etwas spiegelt sich in der Geschichte der Linguistik wider:
Daß sie sich nämlich lange Zeit rein auf die formale
Beschreibung der Sprache beschränkt hat, ähnlich wie wir das
bisher getan haben. Eine solch formale Beschreibung der
Sprachzeichen reicht allerdings nicht aus, wenn man das Werkzeug
Sprache verstehen oder wenn man es lehren will. Wir laufen ja
nicht durch die Welt und murmeln sinnleere Wörter oder Sätze oder
Texte vor uns hin, sondern wir tun dasselbe, was schon die zu
Beginn angeführten Rhesus- oder Totenkopfäffchen tun: Wir
benennen Situationen mit Hilfe von Wörtern und Sätzen und
Texten. Was bedeutet das genau?
Und indem B. das Benennen hervorruft (durch Fragen) oder selber übt, eignet sie sich das Sprachzeichen an. Dabei benutzen wir den Begriff Sprachzeichen jetzt anders als bisher. Bisher meinten wir, wenn wir 'Sprachzeichen' sagten, eigentlich gar nicht das ganze Sprachzeichen, sondern nur einen einzigen Aspekt davon, nämlich seine Form. Nun sehen wir, daß zur Form auch ein Inhalt gehört. Beide sind untrennbar miteinander verbunden, so wie die Vorderseite und die Rückseite einer Münze untrennbar miteinander verbunden sind. Wenn man ein Markstück so auseinandersägte, daß Vorder- und Rückseite getrennt würden, dann würde das Markstück aufhören zu existieren.

Wer also eine Blume in die Hand nimmt, ohne etwas dazu zu sagen, benutzt
kein Sprachzeichen, ebensowenig wie derjenige, der Baum vor sich
hinplappert, wenn weit und breit kein Gegenstand zu sehen ist, auf den
sich Baum beziehen könnte.
Es sei noch einmal betont: Der Inhalt des Sprachzeichens, von
dem wir sprechen, ist ein Stück Welt, z.B. ein Hund, den man
bellen sieht und hört, oder ein Hubschrauber, der übers Dach
fliegt, oder eine Banane, die man mit Genuß ißt. Aber nicht
z.B. eine Wortform aus einer andern Sprache. Der Inhalt,
der zur englischen Wortform batch mode gehört, ist
nicht etwa die deutsche Wortform Stapelverarbeitung.
Batch mode -- Stapelverarbeitung ist also kein englisches
Sprachzeichen (ein deutsches natürlich auch nicht), es ist
ein Überhauptnichts, damit kann man weder in England etwas anfangen
noch in Deutschland (
Bild). Das ist so, als würde man einen deutschen
Pfennig und einen englischen Penny auseinandersägen und dann
die Pfennigvorderseite mit den Pennyrückseite
zusammenschweißen --- mit solchem Monstrum könnte man weder
in England bezahlen noch in Deutschland.

Sie haben im Gehirn eine Art 'Schublade', in die Sie den Gegenstand
einordnen können. Diese Schublade bildete sich aus in Hunderten,
vielleicht Tausenden von Begegnungen mit Weltstücken dieser Art.
Sie ist ein abstraktes Abbild aller Bücher, die Sie je gesehen
haben (
Wie man eine Sprache lernt).
Abstrakt heißt, daß dieses Abbild auf der einen Seite die
Eigenschaften enthält, die allen Büchern gemeinsam sind (da
sind Blätter, die man zwischen zwei Deckel gepackt hat; man kann
den Gegenstand aufschlagen; man kann darin lesen oder einfach schauen;
usw.), und daß es auf der anderen Seite all die individuellen
Eigenschaften aller individuellen Bücher ausklammert (also die
jeweilige Farbe; wie dick sie sind; ob die Blätter aus Papier oder
aus Pappe bestehen; ob die Deckel flexibel sind oder fest; usw.).
Zum Inhalt des Sprachzeichens gehört also zweierlei: Da ist
einmal das Weltstück, auf welches während einer konkreten
Zeigehandlung gezeigt wird, das ist das REFERENDUM; und da ist zweitens
das abstrakte Abbild, das sich ausgebildet hat durch die Erfahrung mit
vielen Referenda, das ist das SEMEM
(umgangssprachlich oft auch 'Bedeutung' genannt).
Wer ein Sprachzeichen beherrscht, ist mit vielen Referenda
umgegangen, hat als Folge im Kopf ein Semem, und ist wiederum
dadurch in der Lage, Weltstücke, denen er noch nie zuvor begegnet
ist, als zugehörige Referenda zu erkennen. Auch wenn sie
die Büsche im Bild noch nie gesehen haben, werden Sie sie
als solche erkennen.
Sie stocken? Das seien keine Büsche, das seien Bäume!
Natürlich haben Sie recht, und Sie haben sich damit bewiesen,
daß Sie ein entsprechendes Semem im Kopf haben, wodurch
Sie befähigt werden, diese fremdartigen Gegenstände (es sind
australische grasstrees) als zur Menge der Bäume
gehörig zu erkennen.
Was für die inhaltliche Seite des Sprachzeichens gilt,
findet sich auf der formalen Seite wieder. Der Engländer,
der das Wort book gelernt hat, ist Hunderten von Sprechern
begegnet, die es gesagt haben. Jeder Sprecher artikulierte es ein
bißchen anders --- mit einem geschlosseneren oder einem offeneren
[u]; mal ein bißchen länger, mal kürzer; mal ist das [k]
aspiriert, mal nicht; mal 'explodiert' es am Ende, mal erreicht es
dieses Stadium gar nicht erst; usw. Wiederum entwickelt sich durch die
Begegnung mit den verschiedensten LAUTFORMEN ein abstraktes Abbild im
Gehirn, das wir die STRUKTUR nennen wollen. So gehört also auch
zur Form des Sprachzeichens zweierlei: der Zeigegegenstand
Lautform und die aus vielen Lautformen abstrahierte Struktur
im Gehirn, die es uns erlaubt, auch solche Sprecher zu verstehen, die
wir zum ersten Mal hören.
Das Sprachzeichen hat also VIER ASPEKTE, die zu unterscheiden sind: Lautform, Struktur, Semem, Referendum (Bild).

Das gilt nicht nur für Wörter (bei diesen ist es jedoch am leichtesten nachzuvollziehen), sondern es gilt für jedes Sprachzeichen, für Morpheme (z.B. Pluralmorphem) ebenso wie für Satzglieder (z.B. present perfect Formen) oder für Sätze (z.B. questions), usw.
Zwei der vier Aspekte, Struktur und Semem, sind, wie wir
gesehen haben, im Gehirn ansässig und sind miteinander assoziiert,
während die andern beiden, die Lautform und das
Referendum, der Außenwelt angehören. Das heißt nun
allerdings nicht, daß sie nur in der Außenwelt anzutreffen
sind. Ich meine damit folgendes:
Wenn wir einen Gegenstand sehen (oder sonst mit den Sinnen erfassen),
dann bedeutet das, daß er uns zu Bewußtsein kommt.
D.h. er wird im Augenblick des Sehens im Gehirn abgebildet. Damit
existiert er sozusagen gleichzeitig an zwei Orten, sowohl in der
Außenwelt als auch im Gehirn. Wenn wir nun beispielsweise ein Haus
sehen und es mit maison benennen, also zum Referendum
machen, dann machen wir eigentlich sein Abbild im
Bewußtsein zum Referendum (und nur indirekt das Haus in der
Außenwelt) (Bild).

Das Abbild im Gehirn ist das eigentliche Referendum! Das hat nun interessante Auswirkungen. Da wir ein Gedächtnis haben, können wir Häuser erinnern, die wir früher einmal gesehen haben. Einen Gegenstand erinnern, heißt nun nichts anderes, als ihn ins Bewußtsein zu heben. Das aber wiederum bedeutet, daß wir uns Bilder von Gegenständen ins Bewußtsein holen können, auch wenn die Gegenstände selber in diesem Augenblick in der Außenwelt gar nicht vorhanden sind. Wir können uns das Haus vorstellen, in dem wir wohnen, selbst wenn wir Tausende von Kilometern davon entfernt sind.
Wenn es aber so ist, daß wir tatsächlich die Abbilder von Gegenständen im Bewußtsein benennen, und nicht die Gegenstände selbst, dann können wir auch Gegenstände benennen, die gar nicht da sind. Dann können wir in Australien von unserem Haus in Deutschland sprechen, und der australische Freund, der uns dort einmal besucht und es also schon gesehen hat, weiß, wovon wir reden.
Aber es geht noch weiter. Wir können selbst über Dinge reden,
die wir noch nie gesehen haben, die wir uns einfach in unserer
Vorstellung ausdenken. Sich einen unbekannten Gegenstand
ausdenken, heißt, Einzelteile von ähnlichen, aber erinnerten
Gegenständen ins Bewußtsein holen und sie zu einem neuen
Gegenstand, besser: zu dem Bild eines neues Gegenstands zusammensetzen.
Dieses Bild können wir dann benennen und so zum
Referendum machen. So entstehen Lügen(geschichten), oder
Fabelwesen wie das Einhorn, oder die Cheshire cat mit
ihrem sprichwörtlich gewordenen Grinsen, und sogar ganze
Romane.
Am deutlichsten ist
dies Phänomen an Science Fiction Romanen zu studieren.
Hier die Beschreibung einer Szene aus dem Roman "The dark
light years" von Brian W. Aldiss, in der adlergroße Vögel mit
vier Flügeln herumfliegen:
As the three moved towards these trees, rifles half-raised in traditional gestures, four-winged birds --- butterflies the size of eagles --- clattered out of the tousled foliage, circled, and made away towards the low hills on the far side of the river. (1964:165) |
Das Sprachzeichen ist, wie man sieht, ein außerordentlich leistungsfähiges Werkzeug. Und dabei haben wir bisher nur das Lautzeichen beschrieben. Es gibt aber auch noch ein zweites Zeichen.
Ich muß mich jetzt berichtigen: Die Sprache ist zwei Zeichensysteme. Sie besteht einmal aus einem LAUTZEICHENSYSTEM, das nennt man die gesprochene Sprache, und zum zweiten aus einem SCHREIBZEICHENSYSTEM, das nennt man die geschriebene Sprache. Wenn wir die Sprache richtig verstehen wollen, vor allem, wenn wir sie lernen oder lehren wollen, müssen wir die beiden Systeme streng auseinanderhalten.
Wir haben bisher vom Lautzeichensystem gesprochen (wobei ich gelegentlich, weil dies ein Buch und kein Tonband ist, Schreibformen benutzen mußte, wenn ich eigentlich Lautformen meinte). Wir haben festgestellt, daß es aus Sprachzeichen besteht (die wir, genauer, ab jetzt LAUTZEICHEN nennen wollen); wir haben gesehen, daß jedes Lautzeichen vier Aspekte aufweist und daß die Lautzeichen aus Grundzeichen und Kombinationszeichen bestehen, die ein hierarchisches System aus verschiedenen Ebenen oder Strata bilden.
All dies gilt auch für das Schreibzeichensystem. Wie das
Lautzeichensystem besteht es aus Einzelzeichen, den
SCHREIBZEICHEN. Diese setzen sich zusammen aus den Grundzeichen (das
sind v.a. die Buchstaben und die Satzzeichen) und Kombinationen daraus.
Auch die Schreibzeichen sind auf verschiedenen (Kombinations-)
Ebenen angeordnet und bilden ein hierarchisches System. Und jedes
Schreibzeichen hat die bekannten vier Aspekte, eine
Schreibform (meist auf Papier, außerhalb des Gehirns),
Struktur und Semem im Gehirn, ein Referendum in der
Außenwelt.

Da schreibt man beispielsweise [im folgenden beziehe ich mich auf die bisherige Rechtschreibung, die neue hat ihre eigenen Schwierigkeiten] du normalerweise klein, aber in Briefen schreibt man es groß. Am Satzanfang schreibt man alle Wörter groß. Wörter werden durch Lücken voneinander getrennt. Wenn man hacken am Zeilenende trennt, dann schreibt man es plötzlich hak-ken. Vor und setzt man manchmal ein Komma, manchmal aber auch nicht. Usw. Usf. Von diesen Regeln gibt es nicht wenige --- der Duden benötigt an die 40 Seiten, um sie fürs Deutsche darzustellen.
So sind also Lautzeichensystem und Schreibzeichensystem als im Prinzip voneinander unabhängige Systeme zu sehen. Was im übrigen auch die Gehirnforschung bestätigt. Ann Gibbons (1990) berichtet beispielsweise über die Arbeiten von Raichle und Peter Fox, die mit Hilfe von Gehirntomographien (PET scanning) Gehirntätigkeiten untersucht haben, um herauszufinden, "how the brain processes individual words that are spoken or read; their results suggest that separate regions of the cerebral cortex are involved in processing written and spoken language." (S. 123)
Andererseits wissen wir alle, daß Laut- und Schreibzeichensystem irgendwie zusammenhängen müssen, denn wir benutzen beide Systeme in ähnlicher Weise, benutzen sie gleichzeitig und durcheinander, machen in der täglichen Kommunikation kaum einen Unterschied. Wie hängen sie auf der andern Seite also zusammen?
Wenn Sie Englisch gelernt haben und deshalb wissen, welche
Lautform beispielsweise zu fun gehört, kann es trotzdem
sein, daß Sie an Schreibformen geraten, vor denen Sie
kapitulieren müssen. Probieren Sie's mal mit Cholmondeley.
Wenn Sie's nicht zufällig gelernt haben, werden Sie kaum wissen,
daß die zugeordnete Lautform klingt, als würde sie
"Chumly" geschrieben.
Schreibformen und Lautformen sind offenbar einander
zugeordnet, und wenn wir lesen, dann bedeutet das nichts anderes, als
daß wir zu den Schreibformen, die wir sehen,
Lautformen suchen. Sie können das sehr deutlich an Kindern
beobachten, die gerade lesen lernen: Lesen bedeutet für sie, das
Geschriebene laut werden zu lassen. Sie selbst lesen wahrscheinlich
inzwischen leise --- aber es könnte sein, daß Sie die Lippen
beim Lesen bewegen, viele Leser tun das.
Und wenn Sie das nicht tun, dann sind mindestens Ihre Artikulationsorgane andeutungsweise in Aktion, das haben jedenfalls wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Auch Untersuchungen, bei denen die Verteilung des Blutes im Gehirn gemessen wurde, haben gezeigt, daß beim leisen Lesen auch die Gehirngebiete stark durchblutet werden, in denen beim Sprechen die Artikulation geplant und vorbereitet wird (d.h. das Brocasche Areal und die motorische Region).
| Anmerkung |
| Das Bild stammt aus Crystal (1987:260): "... the subject is reading silently. Four areas of the cortex are active: part of the visual area, the motor area, the frontal eye field, and Broca's area." (Hervorhebungen von mir) |

Wenn wir lesen, dann suchen wir zuerst die zugehörigen Lautformen, gleichgültig ob wir sie nun richtiggehend laut werden lassen (wie Leseanfänger) oder die Artikulation unterdrücken (wie erfahrene Leser); dann erst können wir die Referenda der Lautformen suchen, um zu verstehen, was wir lesen.
Wenn die Lautformen die Referenda der Schreibformen sind, dann ist logischerweise das abstrakte Abbild der Lautformen im Gehirn (die Struktur des Lautzeichens) identisch mit dem Semem des Schreibzeichens.
Wir können den gefundenen Zusammenhang folgendermaßen
darstellen ( Bild).

Dieser Zusammenhang wird allerdings nicht immer richtig gesehen. Oft wird die Schreibform einfach als Alternative zur Lautform interpretiert. Lautform und Schreibform verweisen dann, so denkt man, parallel auf Weltstücke als Referenda:
Schreibform >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
>>>> Weltstück
LAUTFORM >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
Dies widerspricht nicht nur allen Erfahrungen und Beobachtungen, wie sie
oben beschrieben worden sind, es gibt auch historisch keinen Sinn. Das
Schreibsystem entstand viele Jahrtausende nach dem
Lautsystem. Und es entstand, weil man den Wunsch oder die
Notwendigkeit verspürte, die Lautformen für
kürzere oder längere Zeit festzuhalten, d.h. sie ihrer
'angeborenen' Flüchtigkeit zu entreißen. Das konnte nur so
geschehen, daß jeder Lautform eine (längerlebige)
Schreibform zugeordnet, d.h. daß Lautformen zu
Referenda von Schreibformen gemacht wurden. Schreibformen
zeigen also nicht direkt auf die Welt, sondern nur indirekt über
den Umweg des Lautzeichens (
Bild): Das Lautzeichen mischt immer mit, wenn gelesen oder
geschrieben wird.
Im Laufe der Jahrtausende haben sich dann die beiden
Systeme bis zu einem gewissen Grad verselbständigt, haben
sich in verschiedener Richtung weiterentwickelt, sind
eigenständige Systeme geworden mit jeweils eigenen Regeln und
Gesetzlichkeiten.
Und so ist heute die Zuordnung zwischen Schreibformen und Lautformen keineswegs immer so klar wie bei dem Beispiel book--[buk]}.
Der Trick besteht darin, daß im Schreibzeichensystem erst einmal eine zusätzliche Kombinationsebene 'eingeführt' wird. An Beispielen aus dem Englischen: Bevor überhaupt, wie im Lautzeichensystem, Morpheme kombiniert werden können, wie /luk/ oder /mi:t/ oder /hait/, müssen erst einmal Buchstaben zu Mehrfachbuchstaben kombiniert werden, zu Doppelbuchstaben wie oo, ea, gh, th, zu Dreifachbuchstaben wie eau, ear, igh, oder gar zu Vierfachbuchstaben wie eigh. Jetzt erst stehen genügend Schreibzeichen für jedes Phonem zur Verfügung. Es ist deutlich: Lautzeichen- und Schreibzeichensystem gehen von Anfang an ihre jeweils eigenen Wege.
Nun könnte man sich vorstellen, daß dann eben, wo Einzelbuchstaben nicht mehr zur Verfügung stehen, um Phoneme zu benennen, bestimmte festgelegte Mehrfachbuchstaben dafür einspringen. Dem ist aber nicht so --- der Trick überschlägt sich, die Zuordnung wird zum Verwirrspiel.
Beispiel 1: 15 Buchstaben oder Buchstabenkombinationen verweisen
auf ein einziges Phonem.


Der eigene Weg des Schreibzeichensystems gegenüber dem
Lautzeichensystem setzt sich auf den höheren Ebenen fort.
Schreibwörter verweisen nicht immer auf
Lautwörter. Die Schreibwörter cannot und
another beispielsweise verweisen jeweils auf zwei
Wörter im Lautzeichensystem. Im Deutschen werden die beiden
Lautwörter auf und machen manchmal durch
ein Schreibwort abgebildet (Die Tür
aufmachen), manchmal aber auch durch zwei
Schreibwörter (Sie machen die Tür auf) --- welche
Schwierigkeiten solches dem Lernenden anfangs macht, weiß jeder
aus eigener Erfahrung.
Ein Blick auf die Satzebene zeigt, daß auch Schreibsätze
nicht immer den Lautsätzen entsprechen. Das ist,
genaugenommen, eher die Ausnahme. Ein Schreibsatz ist
definiert durch einen Großbuchstaben am Anfang und Punkt (oder
Fragezeichen oder Ausrufezeichen) am Ende. Die Tabelle Schreibsätze zeigt Beispiele aus dem
Roman "Saved, against all odds" (Read, 1974). (
auch die Tabelle Die Strata des Englischen)
| Der Schreibsatz entspricht |
einem Wort im Lautzeichensystem:
einer (Substantiv-)Gruppe im Lautzeichensystem:
einem Satz im Lautzeichensystem:
einem Supersatz im Lautzeichensystem:
einem Absatz im Lautzeichensystem:
|
|---|
| Anmerkung |
| S=Subjekt, V=Verbalglied; T= Topic (Thema), A=Antithesis (Antithese), C= Conclusion (Schlußfolgerung); die Elemente von Supersätzen haben keine traditionellen Bezeichnungen, sie werden deshalb hier einfach mit I und II bezeichnet. |
Wenn man sich z.B. nicht darüber im klaren ist, daß ein Schreibwort nicht dasselbe ist wie ein Lautwort und ein Schreibsatz etwas anderes als ein Lautsatz, dann hat man große Schwierigkeiten, Wörter und Sätze eindeutig zu definieren. Tatsächlich hat die Sprachwissenschaft lange Zeit damit Probleme gehabt. Was die Wörter angeht, so man hat gelegentlich gar die Schlußfolgerung gezogen, es gebe gar keine. In bezug auf den Satz hat sogar eine moderne Standardgrammatik des Englischen wie die 1985 erschienene "Comprehensive Grammar of the English Language" (Quirk et al.) noch gewisse Probleme. Um sie zu lösen, führt man zwei Begriffe ein, sentence und clause, deren jeweilige Definition aber immer ein bißchen verschwommen bleibt. Der Grund scheint eine subtile Vermischung der Strukturen von Schreibsatz und Lautsatz zu sein.
Wenn ein Lehrer die beiden Sprachsysteme nicht auseinanderhält, dann lehrt er z.B. die Schreib- und die Ausspracheregeln des Pluralmorphems in ein und derselben Unterrichtsstunde und verwirrt die Schüler damit gründlich (ich weiß, daß es so ist, ich habe solche Verwirrung einstens selber bewirkt). Wenn ein Lehrer den Zusammenhang von Laut- und Schreibzeichen nicht richtig sieht, dann behandelt er bei neuen Wörtern alles ( Lautzeichen und Schreibzeichen) in ein und derselben Stunde --- und meint, das Sprachzeichen müsse dann gelernt sein (und gibt den Schülern die Schuld, wenn es sich herausstellt, daß es nicht so ist); dann führt er Tonbandaufnahmen vor und läßt die Schüler den Text mitlesen --- und merkt nicht, daß er damit das Verstehenlernen blockiert; dann läßt er grundsätzlich alle Lektionstexte laut lesen --- und sieht nicht, daß die Aussprache, die er dadurch zu verbessern hofft, eher noch schlechter wird. U.v.a.m.
Das Ziel des Sprachunterrichts ist, daß die Lernenden eines Tages
Laut- und Schreibzeichen im Alltag verwenden
können, so als wären sie tatsächlich parallel verwendbare
Alternativen. Dieses Ziel ist aber nur erreichbar, wenn der
Weg die wahren Verhältnisse zwischen den beiden Zeichentypen
berücksichtigt. Einer, der auf Stelzen so gut läuft wie auf
den Füßen und beide Fortbewegungsweisen alternativ einsetzen
kann, hätte nie soweit kommen können, wenn er das Gehen
gleichzeitig mit Füßen und mit Stelzen hätte lernen
müssen. Die Grundlage sind die natürlichen Gehwerkzeuge, und
erst wenn man die beherrscht, kann man die Stelzen daran
'anhängen'. So muß auch zuerst ein
Lautwort beherrscht sein, bevor das
Schreibwort angekoppelt werden darf.
Mag sein, daß die Stelzen etwas hinken, aber sie machen trotzdem deutlich, daß es unerläßlich ist, vor allem im Sprachunterricht, den Unterschied zwischen den beiden sprachlichen Zeichensystemen zu beachten und die Art und Weise, wie sie zusammenhängen, zu berücksichtigen.
Kommen wir zum zweiten Teil, zur Benutzung des Zeigewerkzeugs Sprachzeichen.
Zeichen an sich sind schon Werkzeuge von eigener Art, da sie nicht, wie normale Werkzeuge, aus einem, sondern aus vier Gegenständen bestehen. Das Sprachzeichen setzt noch zwei drauf:
| Anmerkung |
| Zwischen 320.000 und 1 Million, je nach Schätzung. |
Das bedeutet, daß jedes einzelne Sprachwerkzeug stark spezialisiert ist und nur auf relativ wenige Weltstücke zeigen kann.
So müssen wir beim Einsatz des Sprachzeichens, wie es scheint,
zwei Phasen unterscheiden, die Phase des Werkzeugmachens
und die Phase des Werkzeugbenutzens.
Daß ein Werkzeugbenutzer sein eigener Werkzeugmacher sein
muß, ist nichts ganz Einmaliges. Beispielsweise mußte der
Eskimo, wenn er sich auf der Jagd und fern der heimatlichen
Schneegefilde befand, bevor er sich zur Ruhe legen konnte, erst einmal
sein Iglu bauen, sein Wohn-, Schlaf- und Schutz'werkzeug'. Ein
erfahrener Iglubauer brauchte dazu, heißt es, ein bis zwei
Stunden. So lange dauert es nicht, Sprachzeichen herzustellen, aber
mühsam ist es auch, wie jeder, der eine Sprache lernt, am eigenen
Kopf erfährt.
An einer Zeigehandlung sind immer zwei beteiligt, der,
der zeigt, und der, dem gezeigt wird. Beide brauchen sie dasselbe
Zeigewerkzeug, beide müssen sie sich erst einmal als Werkzeugmacher
betätigen. Ihre Arbeit ist allerdings verschieden. (Ich
beschränke mich im folgenden der Einfachheit halber auf das
Lautzeichen.)
Der Zeigende sucht sich zu dem Referendum, also zu dem
Weltstück, auf das er zeigen will, einen brauchbaren
Zeigegegenstand, also eine Lautform, die geeignet ist, auf das
Referendum zu zeigen. Der Weg dazu geht von dem im Bewußtsein
abgebildeten Referendum über das Semem zur
Struktur. Ist der Zeigende bei der Struktur angelangt, dann hat er
damit ein Entwurfsmodell (
Modell) für
die Lautform und kann nun darangehen, sie zu erzeugen. Der Vorgang des
Erzeugens besteht aus zwei Teilhandlungen, dem Kodieren und dem
anschließenden Artikulieren. Als Ergebnis erhält er
eine Lautform, die er seinem Partner durch die Luft zuschickt.
Damit ist sein Sprachzeichen hergestellt.
Der Partner empfängt das Schallobjekt Lautform und dekodiert es. D.h. er sucht diejenige Lautzeichenstruktur, welche die empfangene Lautform abbildet. Als Ergebnis weiß er, welche Lautform der Zeigende ausgesandt hat (aus all den Hundertausenden, die in Frage kommen), und er kann nun darangehen, ein Referendum zu suchen, auf das die Lautform zeigen könnte (wiederum hat er im Prinzip alle Gegenstände dieser Welt zur Auswahl). Es muß ein Gegenstand sein, der durch das Semem, das zur Struktur gehört, abgebildet wird. Wenn alle vier Bestandteile zusammenpassen, dann hat er sein Werkzeug vollendet.
Die Sprachzeichen, die der Zeigende beim BENENNEN und sein Partner beim
ERKENNEN herstellen, sind nicht identisch, jeder macht sich sein
eigenes. Und auf völlig verschiedenem Weg. Fast sieht es so aus,
als hätte der, der das Lautobjekt empfängt, die
schwierigere Aufgabe zu lösen. Er muß nämlich
einfach nehmen, was kommt, während der Zeigende die freie Auswahl
hat: Er macht das Sprachzeichen, das er machen will. Und machen
kann --- tatsächlich ist es eine der Grunderfahrungen jedes
Sprachlernenden, daß es, wenn man zum ersten Mal ins fremde Land
kommt, zunächst sehr viel einfacher ist, spontan zu sprechen als zu
verstehen --- weshalb im Fremdsprachenunterricht von Anfang sehr viel
Wert auf das Verstehen gelegt werden muß, was im übrigen nur
durch konsequenten einsprachigen Unterricht erreichbar ist.
Jeder macht sich also sein eigenes Sprachzeichen, trotzdem ist
die Arbeit ein Gemeinschaftswerk, mit dem Ziel, zwei möglichst
gleiche Sprachzeichen zu erzeugen. Nur wo die beiden
Sprachzeichen sich ganz oder fast gleichen, kann die
Zeigehandlung zum Erfolg führen.
Kommen wir zur Zeigehandlung.
Das heißt --- die Zeigehandlung hat eigentlich bereits
stattgefunden. Während der Eskimo, wenn er ein Iglu benutzen will,
tatsächlich in zwei Schritten vorgehen muß --- erst die
Arbeit des Bauens, dann das Vergnügen des Ruhens --- ist das beim
Sprachzeichen ganz anders.
Wenn der Zeigende seine Lautform artikuliert und also sein Zeichen fertiggestellt hat, ist das Zeigen auch schon geschehen. Und in dem Augenblick, wo der Partner das Referendum findet und somit sein Zeichen vollendet, weiß er, worauf gezeigt wurde, und auch für ihn ist die Zeigehandlung erledigt.
Die Herstellung und die Benutzung des Werkzeugs sind beim Sprachzeichen eins. Ein Sprachzeichen machen, heißt, es benutzen. Und umgekehrt. Die beiden Phasen des Werkzeugmachens und des Werkzeugeinsatzes sind beim Sprachzeichen nicht trennbar. Was natürlich bedeutet, daß sie auch beim Sprachlernen nicht getrennt werden dürfen. Zwar müssen wir, wenn wir eine Sprache lernen, sowohl die Herstellung des Zeichens wie das Zeigen damit lernen, aber nicht als voneinander getrennte Vorgänge, sondern als Handlungseinheit. Sprachunterricht kann nur dann sein Ziel erreichen, also effektiv sein, wenn der Lehrer dafür sorgt, daß Sprachformen und zugehörige Referenda immer gleichzeitig in der Lernsituation vorhanden sind. Wo dies nicht der Fall ist, kann die Verbundhandlung 'herstellendes Zeigen' (oder 'zeigendes Herstellen'?) nicht eingeübt werden.
Der Autor, der einen anderen Autor wörtlich zitiert, geht noch einen Schritt weiter: Er übernimmt mit den zitierten Textstücken sowohl die Sprachformen wie die Referenda, die der andere benannt hatte. (Wo er die Referenda nicht übernimmt, wird das Zitat verfälscht, was zu dem Vorwurf führt, der Zitierende habe das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen.)
Mit der Übernahme der vorproduzierten Teile des Sprachzeichens
ist aber weder beim Bahnhofsvorsteher noch beim Autor die
Zeigehandlung schon vollendet. Beide müssen sie vielmehr die
jeweils fehlenden Bestandteile ergänzen, der Autor muß
Struktur und Semem dazu suchen (um den Zusammenhang mit
dem eigenen Text zu gewährleisten), der Bahnhofsvorsteher muß
zusätzlich noch den entsprechenden Zug zum Referendum
machen.
Vorproduzierte Sprachzeichenbestandteile finden sich auch im
Sprachunterricht, z.B. bei Zuordnungsübungen, wo zu
durcheinandergewürfelten Schreibformen die passenden
Referenda gesucht werden sollen. - Beim Computereinsatz hat
man die Computertugend, daß die Maschine Wortlisten (oder andere
Fertig-Schreibformen) speichern kann, kurzerhand zur didaktischen
Notwendigkeit erhoben und argumentiert nun, es sei dem Lernenden
ja nicht zuzumuten, daß er selber schreibe, das lenke doch nur
vom 'eigentlichen' Lernziel ab, und so darf der dann oft
nur noch die J- oder die N-Taste drücken.
Diese Magie der Sprache ist im übrigen nicht auf die sog.
performativen Verben wie versprechen oder sich
entschuldigen oder pronounce
| Anmerkung |
| "I now pronounce you man and wife." Weitere Beispiele aus Austin (1962:5), anhand derer der Begriff performative in die Sprachwissenschaft eingeführt wurde: "I name this ship the Queen Elizabeth", "I give and bequeath my watch to my brother", "I bet you sixpence it will rain tomorrow". |
beschränkt, sie findet sich allüberall im Gebrauch der
Sprache: Schriftsteller erschaffen nie gesehene Welten mit
nicht-existierenden Geschöpfen (
Anmerkung zum Einhorn),
und Menschen wie Sie und ich erfinden Probleme und setzen sie mit Hilfe
von Sprachzeichen in die Welt (die Sowjetunion war einstens "das Reich
des Bösen") oder schaffen sie mit Hilfe von Sprachzeichen aus der
Welt (beliebter Sprengsatz: "Panikmache").
Warum tun wir dergleichen? Warum zeigen wir überhaupt?
| LAUTSYSTEM | SCHREIBSYSTEM | |
| SENDER | benennen | benennen |
| EMPFÄNGER | erkennen | erkennen |
Wir wir oben schon gesehen haben, sind Benennen und Erkennen komplexe Handlungen, die in Teilhandlungen zerlegt werden können, und zwar für jedes Sprachzeichensystem getrennt.
Wer Sprachzeichen benutzen will, muß diese Teilhandlungen lernen.
Dabei scheinen dem Lernenden die fettgedruckten Handlungen
besondere Schwierigkeiten zu bereiten. Diesen ist also in der
Schule besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Damit kein Mißverständnis entsteht: Natürlich meine ich damit nicht, daß man beispielsweise isolierte Artikulationsübungen durchführen sollte, die Zeigehandlungen müssen vielmehr immer in ihrer Ganzheit geübt werden, weil sie ja sonst als Zeigehandlungen nicht gelernt werden können. Aber der Lehrer muß dabei immer auch auf die Aussprache der Schüler achten; wo dies nicht geschieht, ist die Zeigehandlung des Sprechers möglicherweise so fehlerhaft, daß der Hörer bei seiner Arbeit am Sprachzeichen schon gleich beim Dekodieren der Lautform scheitert. Dies ist kein exotisches Problem, sondern häufig bei der Kommunikation mit Ausländern zu beobachten --- im Fernsehen ist man in besonders krassen Fällen inzwischen dazu übergegangen, Untertitel beizufügen.
Noch einmal: Warum führen wir überhaupt Zeigehandlungen mit Hilfe
von Sprachzeichen durch?
Daß dies auch für Sprachhandlungen gilt, zeigt sich deutlich,
wenn man beispielsweise Schriftsteller fragt, warum sie
schreiben. Viele schreiben vor allem aus einem inneren Bedürfnis
heraus oder weil ihnen das Schreiben einfach Spaß macht, einige
wollen eine 'Botschaft' vermitteln. Der Tübinger Georg Holzwarth
z.B. schreibt aus innerem Drang:
"Eines Tages hatte ich das Bedürfnis zu schreiben", erzählt er ... (Förder, 1988:3)
Christof Wackernagel macht's einfach Spaß:
Ich schreibe, weil mir der Prozeß des Schreibens selbst Spaß macht ... Ich will das Schreiben nicht für einen dritten Zweck benutzen. Das Schreiben muß sich irgendwie aus sich selbst rechtfertigen. Mein Ziel ist es nicht zu sagen: Ich habe nun die Botschaft und die verpacke ich jetzt in ein Lehrstück. Ich sag nicht, daß das schlecht ist. Nur ich kann und will das nicht. (Paul, 1986:12)
Wolfgang Weyrauch hinwiederum will genau dies, er verfolgt ein Ziel, er will eine Botschaft verkünden. Unter der Überschrift "Mein Gedicht ist mein Messer" sagt er:
Atom, das frißt an uns, und bald wird es, unser Trauma, uns auffressen. Auch mich. Es sei denn, wir empörten uns dagegen. ... Wie könnten wir es aber? Wie könnte ich es? Ich schreibe. ... Nun gibt es Leute, die behaupten, die Schriftsteller seien nicht zu etwas da, sondern ganz einfach da. Sie irren sich. (Bender, 1961:25)
Im folgenden (Tabelle
Sprachhandlungen und ihre
Gründe) einige Beispiele für alltägliche
Sprachhandlungen und ihre Gründe. Zuerst Beispiele, bei denen die
ganze Zeigehandlung, also entweder das Benennen oder das
Erkennen, durchgeführt wird; dann einige Beispiele, bei
denen eher Teilhandlungen des Zeigens im Mittelpunkt des
Interesses der Handelnden stehen.
Wer z.B. urplötzlich den unwiderstehlichen Drang verspürt, Gedichte zu schreiben (obwohl er das eigentlich gar nicht kann), nur weil er verliebt ist, vollbringt einen EXPRESSIVEN Sprachakt. Das Schreiben einer Kurzgeschichte, wenn es vor allem deshalb geschieht, weil dem Schreibenden das Schreiben unendlich viel Spaß bereitet, ist gleichbedeutend mit einem ÄSTHETISCHEN Sprachakt.
Wenn wir sprechen oder schreiben, einfach um einen andern auf einen
Gegenstand aufmerksam zu machen, ohne sonstige besondere
'Hintergedanken', wenn wir mit andern Worten einfach einen Gegenstand
benennen, dann ist das ein REFERENTIELLER Sprachakt. Wenn wir sprechen
oder schreiben, um andere z.B. von unseren Ideen zu überzeugen,
dann führen wir TRANSAKTIONELLE Sprachakte durch. Bevor wir
jemanden aber etwas mitteilen oder ihn überzeugen können,
müssen wir erst einmal Kontakt aufnehmen, z.B. durch Hallo
oder Wie geht's, in diesem Fall handelt es sich um PHATISCHE
Sprachakte. Phatische, referentielle, und
transaktionelle Sprachakte können wir unter dem Begriff der
KOMMUNIKATIVEN Sprachakte zusammenfassen (
Kommunikation).
Man sieht, es gibt viele Gründe, Zeigehandlungen mit Hilfe des
Werkzeugs Sprachzeichen durchzuführen. Die Kommunikation
ist ein Grund unter vielen. Für den
Fremdsprachenunterricht allerdings steht dieser Grund im
Mittelpunkt des Interesses.
Man kann nun allerdings nicht nur zeigen mit dem
Zeigewerkzeug Sprachzeichen, und auch das ist für den
Fremdsprachenunterricht von (positiver, aber auch negativer)
Bedeutung.
Das Material, aus dem Lautformen bestehen, sind Laute oder Schallwellen, man nennt sie deshalb oft "Lautobjekte" oder "Schallobjekte". Schreibformen können aus den verschiedensten Materialien bestehen, sie brauchen außerdem einen Hintergrund, von dem sie sich abheben. In Büchern bestehen Schreibformen meist aus schwarzer Farbe, die auf weißem Papier aufgebracht wurde. Man findet aber auch Schreibformen aus Messing, die auf einem Holzbrett aufgeschraubt sind (Firmenschild). Oder sie bestehen aus speziellen Rauchgasen, die mit Hilfe eines Flugzeugs geschrieben werden und sich gegen den blauen Himmel abheben. Der Phantasie und der Erfindungsgabe der Schreiber sind kaum Grenzen gesetzt.
Da Lautformen und Schreibformen also Gegenstände sind, kann man sie, wie jeden andern Gegenstand auch, in verschiedenster Weise manipulieren.
Dabei werden Schreibformen gegenüber den Lautformen bevorzugt, weil sie dauerhafter sind als jene, oft kann man sie sogar in die Hand nehmen (etwa die Buchstaben beim "Scrabble"). Lautformen hingegen sind flüchtig, kaum, daß sie erzeugt sind, haben sie sich schon wieder ins Nichts aufgelöst --- mit Paul Auster (1987:16): "... words come out, fly into the air, live for a moment, and die". Wenn Lautformen zur Manipulation herangezogen werden, dann können Veränderungen nur so sichtbar gemacht werden, daß die veränderte Lautform wieder neu erzeugt wird. Auf diese Weise entstehen ganze Lautformserien, wie z.B. wenn kleine Kinder reihenweise Phoneme in einer Lautform ersetzen, wie kürzlich die zweieinhalbjährigen Zwillinge K. und R. im Wechselgesang: Opa, Omi, Opi, Oti, Oki, Owi ...
Die Zwillinge gingen bei ihrer Manipulation von der Lautform als Bestandteil des Sprachzeichens aus, haben dann aber schnell eine radikale Trennung vollzogen und dann nur noch mit Schallgegenständen an sich operiert. Die Dadaisten gingen ähnlich vor.
| PORTRAIT RUDOLF BLÜMER |
|
Der Stimme schwendet Kopf verquer die Beine. Greizt Arme qualte schlingern Knall um Knall. Unstrahlend ezen Kriesche quäke Dreiz. Und Knall um Knall. Verquer den Knall zerrasen Fetzen Strammscher quill. Und Knall um Knall. Und Knall um Knall. Kreuzt Arme beinen quillt der Stuhl. Der Stuhl ist eine Schraube, klammerwinden Stramm. Und Knall um Knall der Stimme köpft. Die Beine schrauben Arme würgend liß. |
Der Portraitierte selber entfernt sich noch mehr vom Sprachzeichen.
So beginnt eines von Rudolf Blümers Gedichten:
| ANGO LAINA |
|
Oiaílaéla oía ssísialu ensúdio trésa súdio mischnumi ja lon stuáz brorr schjatt oiázo tsuígulu ... |
In ähnlicher Weise wie der Dadaist Schwitters bei seinem
'Portrait' gehen auch manche Sprachbuchautoren vor.
Schritt 1: Der Satz "Ever since the Indians have taught their little ones to love the water-lilies ..." wird aus dem Schoß seines (Kon-)Texts gerissen und damit isoliert. Schon jetzt wird der Zusammenhang zum Referendum bröckelig --- ever since when?Schritt 2: Dieser Zusammenhang wird gänzlich gekappt, als ever since am Anfang und to love the water-lilies am Ende des Satzes weggeschnitten werden. Damit haben wir nun den folgenden Gegenstand, dessen sämtliche Verbindungen zu seinen 'Geschwistern' abgebrochen worden sind: The Indians have taught their little ones. Dieser Gegenstand kann nun nach Belieben manipuliert werden.
Schritt 3: Die Manipulation, die den Schülern abverlangt wird, ist vergleichbar der Verwandlung eines Kaninchens in eine Taube. Was sag ich --- eine Taube kann fliegen und fressen und gurren, aber der transformierte Gegenstand Their little ones have been taught by the Indians ist ein totgeborenes Kind, das kann man nur noch begraben.
Hier ist die Übung, wie sie im Buche steht:
Put the following into the passive voice:The Indians found lilies. --- The Indians have taught their little ones.
Anmerkung Hier ist der Kontext, dem der Satz entrissen wurde: The next morning the Indians found big, white lilies floating on the water. Ever since the Indians have taught their little ones to love the water-lilies, and to treat them with great respect, in order that the lilies may stay with them for ever. (S. 63) --- The little Indians love the lilies. --- I have left my sisters in the sky.
(Frerichs, 1962:138)
Übungen dieser Art, die sich als Sprachübungen ausgeben, aber keine sind, weil sie gar nicht Sprachzeichen manipulieren, finden sich keineswegs nur in älteren Lehrbüchern. Nur setzen sie sich heutzutage oft eine Tarnkappe auf. Jedenfalls in Lehrbüchern. In Computerprogrammen kommen sie auch heute noch so nackt daher wie die little Indians.
Während die Erfinder von Sprachübungen manchmal
vergessen, worum es eigentlich geht und deshalb nichts dabei finden, die
Sprachzeichen zu zerschlagen, lassen die Erfinder von
Sprachspielen die Sprachzeichen intakt, selbst wenn die
Manipulation der Sprachform im Mittelpunkt steht. Mit gutem Grund: Es
würd' ja sonst keiner ihre Spiele spielen!
Versteckte Wörter suchen (ein Wort wird in seine Buchstaben
zerlegt, dann werden daraus neue Wörter zusammengebaut):
In einer festgesetzten Zeit muß jeder sämtliche Hauptwörter aufschreiben, die er aus den Buchstaben dieses Wortes bilden kann. ... Aus "Winterbirne" lassen sich bilden: |
Les messages secret (Buchstaben werden durch andere
ersetzt, was einen Geheimcode ergibt):
On écrit le message au moyen d'un alphabet truqué, les lettres étant décalées de plusieurs rangs. Exemple: la phrase SFHBSEFA TPVT MF GBVUFVJM signifie REGARDEZ SOUS LE FAUTEUIL. Chaque lettre a été décalée d'un rang par rapport à celui qu'elle occupe normalement dans l'alphabet. ... A devient B, B devient C, etc. |
Suitcase (der Ausgangssatz wird durch Hinzufügungen immer
mehr erweitert):
John: I packed my suitcase with a bathing-suit. |
Coffee pot (in verschiedenen Sätzen wird immer dasselbe
Wort [hier banana] durch ein Unsinnswort [coffee pot]
ersetzt).
... here are the questions the player who is trying the secret word might put and the answers he might receive: |
Because (gemeinsam wird ein Erzählparagraph erzeugt,
aus den Elementen T (Thema), D (nähere
Erklärung) und C (Ergebnis) (zum Begriff 'Paragraph'
Die Strata des Englischen):
The first player describes any event in the simplest way, e.g. `The toast burned.' The second player is required to give a reason, e.g., `Because the toaster was turned up too high.' The third player ...\ must then state a probable effect `And everyone had charcoal for breakfast.' |
Das Englische kann (eindeutiger als das Deutsche) zwischen zwei
Arten, mit Sprachzeichen zu spielen, unterscheiden. Die obigen
Beispiele gehören zu den language games. Im folgenden geht
es um language play.
Manchmal wird das zweite Sprachzeichen aus dem ersten
erzeugt, wie bei den kangaroo words; das sind Wörter, die
andere Wörter enthalten, so wie das Känguruh sein Junges im
Beutel trägt. Dabei geht es nicht um irgendein Wort, sondern um
eines, das semantisch mit dem Mutterwort eng verwandt ist, so wie
ja auch das Känguruh nicht ein fremdes platypus- oder
Dingo-Junges im Beutel hat. Die Buchstabenfolge ist bei beiden
Wörtern gleich. Beispiele:
Manchmal wird der Empfänger vom Sender gezwungen, sein
Sprachzeichen zweimal herzustellen. Dies wird illustriert durch
die (oben) schon zitierte Scherzfrage:
How do you make a Swiss roll?
Zunächst macht der Hörer ein Kuchenstück zum Referendum, dann, nachdem er die Antwort gehört hat (Push him off the top of an alp), muß er ein anderes Weltstück zum Referendum machen und dazu den Herstellungsvorgang des Sprachzeichens noch einmal ganz von vorne beginnen; das Referendum ist nunmehr ein Schweizer, der von einem Felsen herunterfällt. Das bewirkt der Sender, indem er in seinem Sprachzeichen eine Sollbruchstelle einbaut, und zwar bei einem der Bestandteile des Sprachzeichens. In diesem Fall ist das die Struktur des Satzes. Die Antwort läßt das erste Sprachzeichen des Hörers zerbrechen.
Auch wenn beim Sprachspiel immer das ganze Sprachzeichen
beteiligt ist, so ist das Augenmerk des Spielers oder des
Spielerfinders doch meist auf einen der Bestandteile
gerichtet. Bei den kangaroo words spielt man mit
Buchstaben, also Schreibformen, herum, bei der obigen
Scherzfrage mit der Struktur des Satzes.
Im folgenden einige Beispiele, geordnet nach den Teilgegenständen, aus denen der Multigegenstand Sprachzeichen zusammengesetzt ist.
|
Im Bierladen geht King Lear baden. |
|
Ein braver Hai frißt Haferbrei. |
Im folgenden Witz liegt die Sollbruchstelle in der
Lautform:
My mother-in-law has gone to the West-Indies. |
Das erste Sprachzeichen, das zum Spielstoff wird und das der Leser beim Lesen herstellt, wird durch die Schreibform Jamaica ausgelöst. Das zweite Sprachzeichen entsteht auf Grund der Antwort (möglicherweise erst nach einigem Nachdenken): Der Lautform [dʒəˈmeɪkə] wird nunmehr die Schreibform Did you make her zugeordnet.
Beliebt ist das Spiel mit Homophonen, also zwei Wörtern,
deren Lautform (und Lautstruktur) identisch, aber
deren Semem und Referendum verschieden sind:
Why was the young Egyptian girl worried? |
Umgedreht liest sich's gleich (Palindrom):
Umgedreht ergibt sich eine ebenfalls existierende
Schreibform, und damit ein neues Sprachzeichen:
Die Buchstaben, anders zusammengesetzt, ergeben ein Zeichen,
dessen Referendum etwas mit dem Referendum des
Ausgangszeichen zu tun hat (Anagramm):
Eine Scherzfrage, deren Sollbruchstelle in der
Schreibform
liegt:
What tables can you eat? |
Das zweite Sprachzeichen, das der Leser herstellt, gibt es in diesem Fall nicht --- was den Witz zum Kalauer macht.
Selten findet man Scherzfragen mit Homographen, zwei
Wörtern, deren Schreibform (und Schreibstruktur)
identisch sind, während die zugehörigen Lautzeichen
nichts (oder nichts mehr) miteinander zu tun haben. Hier ist eine:
Why does a dustman never accept an invitation? |
Das Substantiv ['refju:s] meint den Müll, das Verb [ri'fju:z] ist das Antonym zu accept.
I've made the chicken soup. |
Der erste Satz, den der Leser herstellt, hat die Struktur S V O (Ich hab die Hühnersuppe gemacht), der zweite S V O OC (Ich hab den Hühnern Suppe gemacht).
Hier wird der Leser, durch die Kommasetzung oder, im zweiten
Beispiel, durch die fehlenden Kommas, zuerst auf eine falsche
strukturelle Fährte gelockt; er muß dann sein
Sprachzeichen noch einmal strukturieren:
Wer einmal lügt, dem glaubt man, nicht?
Es schrieb ein Mann an eine Wand:
Zehn Finger hab ich an jeder Hand
fünfundzwanzig an Händen und Füßen.
Die Kommata fehlen, das müßt ihr wissen ...
Weller (1977:25)
Mit den verschiedenen Sememvarianten entstehen verschiedene Sprachzeichen, die, ähnlich wie Homonyme, Sprachform und -struktur gemeinsam haben und sich so zum Sprachspiel geradezu anbieten.
In den beiden folgenden Beispielen wird der Leser zuerst dazu
verführt, die metaphorische Bedeutung in sein Sprachzeichen
einzubauen, am Ende erkennt er, daß die Grundbedeutung
verlangt ist. Das scheint übrigens das Grundmuster solcher
Witze zu sein.
Mabel is the best housekeeper in the world. She's been divorced fifteen times --- and she's still got the house. |
Mein Verlobter hat mir zum Geburtstag ein kleines Spanferkel geschenkt. |
Adrian: "Why do all men find Victoria so attractive?" |
Das vom Witzeerzähler angeregte Sprachzeichen postuliert einen körperlichen Sprachfehler, der das Aussprechen von no verhindert; diese Verwendungsweise von can wird meist mit 'ability' umschrieben. Das zweite Sprachzeichen macht den Charakter des Mädchens als Hindernis dingfest, in Grammatiken wird diese Verwendungsweise unter dem Stichwort 'characteristic' beschrieben.
Auch hier wird mit zwei Referenda gespielt, dem üblicherweise bei
einer solchen Aussage zu erwartenden und dem, das am Ende der
Aussage nach dem Willen des Sprechers gilt:
There's always a long queue of people at his performances --- trying to get out. |
Den folgenden Witz will ich nicht erklären:
A man and his young son were in an automobile accident. The father was killed, and the son, who was critically injured, was rushed to hospital. As attendants wheeled the unconscious boy into the emergency room, the doctor on duty looked down at him and said: "My God, it's my son." |
Vielleicht doch wenigstens noch ein kleiner Hinweis: Der Witz wurde erzählt, um den sexistischen Charakter der Sprache zu illustrieren.
Sprachzeichen haben vier Bestandteile, einer davon ist das Semem
(umgangssprachlich die 'Bedeutung'), ein Gehirngegenstand, abstrahiert
aus vielen Begegnungen mit Referenda bei der Benutzung des
Zeichens.
Es gibt Linguisten, die sagen, Sprachzeichen hätten dergleichen
nicht. Die Bedeutung eines Sprachzeichens ergäbe sich vielmehr
allein aus dem Kontext.
| Anmerkung |
| Bereits Hjelmslev hat in seinen 1943 entstandenen Prolegomena diese Meinung vertreten: "In absolute isolation no sign has any meaning; any sign meaning arises in a context, by which we mean a situational context or explicit context. It matters not which ..." (1963:45) Dahinter steckt die Verwechslung von Semem und Referendum. Natürlich ist der Kontext und/oder die Situation für die Benutzung des (aktuellen) Zeichen unerläßlich: Dorther bezieht der Empfänger die Information, die es ihm (mit etwas Glück) ermöglicht, aus der (häufig riesengroßen) Menge der möglichen Referenda dasjenige herauszufinden, das der Sender benannt hat. |
Hei, wär das schön!
Prüfen wir's nach: Mnub refg. Mnub definiert eindeutig das Semem von refg, und refg definiert ebenso eindeutig das Semem von mnub. Oder vielleicht doch nicht? Beißt sich das etwa in den Schwanz? Können sich Sätze doch nicht am eigenen Subjekt aus dem Sumpf der Bedeutungslosigkeit ziehen?
Es gibt andere Linguisten, die finden, die Sache ist noch
einfacher: Die Bedeutung ist in der Struktur enthalten. Mnub
refg, ein Satz, der offensichtlich aus Subjekt und Verbalglied
besteht, bietet seine Bedeutung auf dem Tablett dieser Struktur an, wir
brauchen sie bloß aufzunehmen. Dummerweise hat es auch damit seine
Schwierigkeiten. Schade, auch das wär so schön gewesen!
Die Sache mit dem Sprachzeichen und seiner Bedeutung ist leider etwas
verwickelter. Es führt kein Weg dran vorbei: Das Sprachzeichen hat
Bedeutung, und sie muß gelernt werden. Nicht, indem man den
englischen Sprachformen chinesische oder auch deutsche beigesellt, wie
das alle Schulbücher in ihren Wörterverzeichnissen (inzwischen
wieder) tun, sondern indem der Lehrer Situationen für seine
Schüler schafft, in denen sie die zu lernenden Sprachzeichen
benutzen können (sendend und empfangend), so dem Gehirn die
Gelegenheit verschaffend, die Strukturen und die
zugehörigen Sememe auszubilden.
Es mag sein, daß alle Wege nach Rom führen. Zum Sprachzeichen
führt leider nur einer, nämlich die Benutzung desselbigen.
Last updated 23.5.2007
Burkhard Leuschner